Ein Jahr ins gelobte Land! Hier erfahrt ihr mehr über mein Leben vor Ort.

Samstag, 3. März 2012

2. Rundbrief



2.        Rundbrief

Inhalt: Land, Kultur, Politik, Religion 


Liebe Familie, Freunde und Bekannte,

die Halbzeit meines Auslandsjahres ist nun erreicht. Vorgestern bin ich von dem einwöchigen Zwischenseminar in Haifa zurückgekommen. Viel ändern wird sich vorerst nicht für mich. Dennoch ist mir meine jetzige Position durchaus bewusst. Die Gedanken an die nun absehbare Zeit und meine Rückkehr nach Deutschland setzen das letzte halbe Jahr in eine angenehme Atmosphäre.

In diesem Rundbrief möchte ich ein bisschen über das Leben in Israel außerhalb der Arbeit und des Projekts berichten.

  1. Das Land

Israel ist ein sehr spezielles Land und das in vielerlei Hinsicht. Rein geographisch gesehen sehr vielseitig und das obwohl es sehr klein ist. Im Norden grenzt es an den Libanon und Syrien an. Die von Israel besetzten Gebiete Syriens in den Golan- Heights (Sechstagekrieg 1967) sind sehr weit nördlich und somit im Unterschied zu weiter südlicheren Gebieten sehr kühl. Das bedeutet im Winter auch Schnee. Die Berglandschaft ist sehr beeindruckend und ist gerade wegen seiner strategisch wichtigen Lage ein unverzichtbarer Bestandteil des heutigen Israels. Mit Syrien hat Israel nach dem 6 Tage Krieg nur einen Waffenstillstand ausgehandelt, sodass den Golan- Heights auch heute noch eine militärisch äußerst wichtige Position zukommt. Inwiefern dies von aktueller Brisanz ist sollte man in Deutschland anhand der Nachrichtenerstattung gut abschätzen können. Zwar sind die Golan Heights heute ein beliebter Wander- und Ausflugsort für Touristen und Israelis, ein Regimewechsel in Syrien könnte sie jedoch wieder zu ihrer alten Funktion zurückführen.

Weiter südlich in der Nähe des Mittelmeers sind es die mediterranen Temperaturen vergleichbar mit dem spanischen Sommer, die Tel Aviv und sein riesengroßes Anziehungsfeld zu dem machen was es ist. Viele vergleichen das Lebensgefühl mit Miami. Erst kürzlich hörte ich wieder die Bezeichnung „The Big Orange“ und so vergessen sich in dieser pochenden Großmetropole die Gefahr und die Probleme der Welt. Tel Aviv ist Tel Aviv und liegt im Flachland am Mittelmeer. Der Gazastreifen ist nicht in unmittelbarer Nähe, aber eine potentielle Gefahr durch Raketen besteht. Raketeneinschläge gab es noch nie und so wiegt sich der moderne Mensch in der illusorischen Sicherheit, dass die Hochhausfassaden ihrem mächtigen Anblick gerecht werden mögen.  
Nur 45 Autominuten östlicher kommt man nach Jerusalem, welches sich in einer mehr hügeligeren Landschaft zeigt. Umsäumt von Hügeln liegt es nur wenige Kilometer entfernt von dem Westjordanland in welches man nur durch vereinzelte Checkpoints in der Mauer zwischen beiden Verwaltungsbezirken gelangt.
Südlich von Tel Aviv liegt Be`er Sheva, welche die letzte große Stadt vor dem Beginn der Negev Wüste ist. Die Negev ist eine, zum Großteil steppenartige Zone, die jedoch je südlicher man ihr folgt immer sandiger wird. Ganz im Süden liegt Elat. Elat bildet die letzte große israelische Stadt. Sie liegt auf der keilförmigen südlichen Spitze Israels. Westlich liegt die Grenze nach Ägypten und östlich grenzt es an Jordanien. Von hier aus schließt sich eine Wüstenlandschaft auf beiden Seiten an. Die Bewohner sind die Beduinen, die seit Jahrhunderten die Wüste durchstreifen und mit ihren Tierherden auf der Suche nach Grasflächen die Steppe durchstreifen. Dabei passieren sie die Landesgrenzen oft unbemerkt, was ein nicht unerhebliches Sicherheitsproblem für Israel darstellt. Im Gegensatz zu den nördlichen Nachbarn gibt es im Süden einen Friedensvertrag mit Ägypten. Die langjährigen Handelsbeziehungen haben dazu geführt das Ägypten als erstes arabisches Land einen Friedensvertrag mit seinem jüdischen Nachbarn geschlossen hat. Sorge besteht seitens Israel nun bezüglich des Regimewechsels. Mubarak konnte trotz fragwürdiger Führung den Friedensstatus stets aufrecht erhalten. Inwiefern die neue ägyptische Führung diese Interessen weiter verfolgen wird ist nicht klar, es gibt aber begründete Sorgen gerade im Hinblick auf die antiisraelische Haltung großer Teile der ägyptischen Bevölkerung.

  1. Kultur

Die jüdische Kulturgeschichte ist eine vielseitig geprägte und deshalb vielleicht eine der vielseitigsten die es in unserer modernen Welt noch gibt. Da sich die Juden lange Zeit in den unterschiedlichsten, vor allem christlich geprägten Kulturräumen aufgehalten haben war ihre Kultur stets eine sehr introvertierte. Die jüdische Kultur war nie universell konstant sondern stets flexibel. Wenn auch die Generalpunkte des Glaubens übereinstimmen so gab und gibt es immer noch geographisch bedingte Unterschiede. Ein russischer Jude hat sich nicht äquivalent zu seinem Glaubensgenossen in Spanien entwickelt und umgekehrt. Prinzipiell sind sogar erhebliche Unterschiede möglich. So essen viele russische Juden auch unkoscheres Fleisch, da die praktische Notwendigkeit der Integration im Ursprungsland zu einer kulinarischen Kulturüberlagerung geführt hat.
Grob verallgemeinert spaltet sich die jüdische Kultur heute in 3 Teilgruppen auf. Diese sind die ultraorthodoxen Juden, orthodoxe und reformierte Juden.

Den ultraorthodoxen Juden liegt sehr viel daran den Glauben ihrer Väter originalgetreu zu praktizieren. Religion entzieht sich keinem Bereich ihres Lebens. Der Idealzustand eines ultraorthodoxen Juden ist vereinfacht gesagt ein Leben für und mit der Thora.   

Die orthodoxen Juden sieht man bei uns öfters mal im Fernsehen. Geht es wieder einmal um den illegalen israelischen Siedlungsbau auf palästinensischen Gebieten, so sind die schreienden und wild gestikulierenden Gestalten orthodoxe Siedler. Das ist zwar stark verallgemeinert aber gerade die orthodoxen Juden sind stark zionistisch geprägt. Sie sind das Fundament auf dem Theodor Herzl seine Vision eines Judenstaates konzipierte.

Die reformierten Juden sind westlich geprägt und ein Großteil von ihnen würde sich wohl selbst als modern bezeichnen. Die religionsübergreifende Heirat wird unter ihnen toleriert. Ein orthodoxer Jude würde aber schon alleine aus dem Gedanken des „Kulturbewahrens“ heraus nie eine andersgläubige Frau heiraten.
Inwiefern man die reformierten Juden nun als Teil der jüdischen Kultur sieht sei einmal dahingestellt.

Israel ist ein Einwanderungsland und so habe ich erst letzte Woche eine nette Besichtigung eines badischen Dorfes in der Nähe von Haifa genossen. Es handelte sich bei dieser kleinen Auswandererkolonie um einige Juden die der „Schoah“ (großes Unglück) in Deutschland entkommen konnten. Unter damals noch britischem Mandat wurde eindrücklich die schwere Zeit der Integration beschrieben. Was aber auch hier auffiel, und deshalb erwähne ich es, ist die Tatsache, das dieses kleine badische Dorf und seine Bewohner neben der deutschen Sprache auch viele andere kulturelle Eigenheiten mit sich nach Israel brachten. Als Einzelbeispiel genannt könnt ihr euch sicherlich den Grund vorstellen warum sich 1948 viele Juden gegenseitig kaum verstanden und Probleme miteinander hatten und zum Teil auch immer noch haben. Die Kulturgeschichte Israels setzt sich aus vielen kleinen zusammen und ich habe nur eine grobe Zusammenfassung geleistet. Der kulturelle Zwist ist einer der Hauptgründe warum Israel stets politische Probleme und Uneinigkeiten hatte und immer noch hat.

  1. Politik, Religion 

Wenn man von Israel spricht macht es Sinn Politik und Religion zusammen zu betrachten. Keine andere Religion wird so sehr in einen Zusammenhang mit dem Wort „Volk“ gebracht wie das Judentum. Diese Volksgruppe definiert sich über die Religion. Religion und Staat sind untrennbar miteinander verbunden. Allein diese Tatsache birgt die Hoffnung der Juden in sich selber den Halt in der Welt zu finden und die Naivität abzulegen zu glauben, dass man auf andere vertrauen kann. Die tapferen Hebräer der Bibel sind das Vorbild Israels, das Bild des Schwachen muss verwischt werden. Stärke durch Zusammenhalt und Zusammenhalt durch Glauben. Ben Gurions Philosophie und Vision lebt durch die Zeiten hinweg und ist vielleicht heute mehr denn je politischer Alltag. Israel kann keinen Frieden mit der Vergangenheit schließen weil die Vergangenheit Grund seiner Existenz ist.
Wer diesen Spagat nicht versteht wird Israel nie verstehen können und genau das ist das Verständnisproblem mit der arabischen Welt. Das liegt zum einen an mangelnder Aufklärung und zum anderen an unvergleichbarem Leid, das Israel über große Teile der Araber in Palästina gebracht hat. Wurden die Juden selbst noch Mitte des letzten Jahrhunderts verfolgt und vertrieben so war es diese psychische Angst die Israels Politik immer schon sehr offensiv und eiskalt hat machen lassen.
Von Beginn an war Israels Ziel stets Landgewinnung. Nachdem 1948 der Staat ausgerufen wurde, wurde in systematischen „Verteidigungsmanövern“ immer wieder die Landesgrenze an neue „Verteidigungslinien“ angeglichen. Das heutige Israel befindet sich deshalb zu großen Teilen auf unrechtmäßig, eroberten Terrain. Mit diesem Fakt muss sich Israel auseinandersetzen kann es allerdings nicht, weil seine Psyche geschädigt ist. Ja, Israels Seele hat Verfolgungswahn. Was Israel tun sollte ist es sich nun um die arabischen Nachbarländer kümmern. Das Industrieland Israel hätte die einzigartige Möglichkeit Nächstenliebe praktisch auszuüben. Rein aus dem Wohlstand heraus. Die Angst hindert sie allerdings daran und so regieren sie lieber mit eiserner Hand und blinder Ignoranz die arabischen Länder, in denen sich durch pure Not und Armut Hass entwickelt. Was ist mehr verlangt? Das das reiche Israel, das kluge Israel einen Verarbeitungsprozess durchläuft oder, dass das arme Palästina Gewalt und Armut erfährt und dann noch versteht, dass die Juden aufgrund ihrer Vergangenheit psychisch krank sind? Ich glaube persönlich ersteres ist wesentlich realitätsnäher.

So oder so ähnlich gestaltet sich das Leben um mich herum in Israel. Ich versuche hier stets zu differenzieren. Ich höre die Israelis, ich höre die Araber, Ich höre die Nachrichten. Ich lese die Zeitungen aus Deutschland. Was ich hier ausgebreitet habe ist mein Verständnis der Lage.


Ich schicke noch allerbeste Grüße,
über meinem Blog halte ich euch auf dem neusten Stand.

Liebe Grüße,
Peter


Samstag, 7. Januar 2012

Weihnachten in Bethlehem

Hallo zusammen!

Nach einer etwas längeren Pause melde ich mich nun endlich auch mal wieder.

 ...was bis heute geschah in einer Zusammenfassung:


Am 23. Dezember hatte ich Geburtstag und wir fuhren früh morgens nach Jerusalem. Weihnachtsgefühle waren bis dato keine Spur vorhanden und so machte ich mich mit keinen großen Hoffnungen auf. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass  ich mich schon Wochen vorher darauf gefreut habe in Bethlehem die heilige Nacht zu zelebrieren.
Aber soweit war es noch nicht. In Jerusalem nächtigten wir im guten, altbewerten Abraham Backpackerhostel natürlich nicht ohne zu vergessen, die Gläser erklingen zu lassen.

Am nächsten Morgen gingen wir dann zu Fuß von Jerusalem nach Bethlehem. Die Entfernung beträgt gute 8 km und ist zu Fuß in 2 Stunden problemlos zu meistern.
Allerdings muss man die Grenze ins Westjordanland überschreiten. War auf israelischer Seite der siebenarmige Chanukaleuchter überall zu sehen so war es auf palästinensischer Seite Santa Clause.

(Warum? Es darf nicht vergessen werden, dass viele Palästinener keine Muslime sondern Christen sind. Die meisten von ihnen leben aber in Israel) 


Nachdem wir die Geburtsgrotte und die Geburtskirche besichtigt hatten liefen wir in letzter Sekunde zu der evangelisch- lutheranischen Kirche in Bethlehem und bekamen einen Platz neben dem Organisten. Die Messe selber wurde in Deutsch, Englisch und Arabisch gehalten. Nebenbei fiel mir dann beim Vaterunser auf, dass der arabischsprechende Christ neben mir nur die Hälfte der Zeit dafür brauchte. Als wir aus der Kirche kamen fing es an zu regnen und ja, irgendwie spürte ich das selbe Gefühl, dass ich jeden heiligen Abend habe wenn ich aus der Messe komme.

Ich glaube ich spreche für alle Anwesenden wenn ich sage, dass es ein gelungenes Weihnachtsfest war. Es war auf jeden Fall schön zu sehen, dass Weihnachten auch ohne Kaufwahn funktioniert.
Nach der Messe fuhren wir zurück nach Ra'anana.
Am 1. Weihnachtstag gab es dann das offizielle Weihnachtsessen in Ramat HaSharon, wo unsere Voluntärsgruppe zusammen kochte und  unsere entwöhnten deutschen Mägen mit Kartoffeln, Rosenkohl und Hühnchengeschnätzelten füllten.


Silvester ging es nach Tel Aviv aber ohne Feuerwerk konnte ich dem Event nicht viel abgewinnen. Abschließend noch ein paar optische Eindrücke von Weihnachten.
Liebste Grüße,
Peter





























Montag, 28. November 2011

1. Rundbrief

1.  Rundbrief

Inhalt: Die Arbeit und das Projekt

Liebe Familie, Freunde und Bekannte,

wie schnell doch drei Monate dahinfliegen. Denke ich jetzt an die Planung des Auslandsjahres zuhause zurück kommt es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Wenn ich dann aber an all das bisher Erlebte denke, so kommt es mir vor, als würde ich schon viel länger hier sein.

Ich sehe mich noch auf dem Ausreiseseminar mit all den anderen Freiwilligen, die nun alle in ihren Projekten in den verschiedenen Ländern angekommen sind.
Was ich hier bisher erleben durfte ist unglaublich und kommt nun nach dem Abitur einer 180° Wende gleich. Abgesehen vom täglichen Weckerklingeln um 7 Uhr morgens hat sich mein Leben komplett verändert.

  1. Das Projekt

Um ehrlich zu sein müsste es bei mir „Die Projekte“ heißen. Warum werde ich im Folgenden erklären. Ich wohne in Beit Perry, einem Wohnhaus für 18 erwachsene Autisten in Ra’ananna, einer Stadt, nur kurz hinter dem Einzugsgebiet von Tel Aviv. Die Bewohner (Chaverim: wörtlich Freunde) sind zwischen 20 und 40 Jahren alt. Im Wohnheim leben Frauen und Männer gemischt. In dem Projekt sind die Bewohner in 3 Häuser eingeteilt. Das Rote, das Grüne und das Blaue. Im roten Haus sind hauptsächlich kategorisierte High- Function Bewohner. Das bedeutet, dass diese nur geringe Hilfe in alltäglichen Dingen brauchen. Pflege benötigen sie nicht. Im blauen Haus wohnen sogenannte Middle- Function Personen. Auch hier ist Pflege nicht von Nöten. Die Bewohner können sich aber nur eingeschränkt artikulieren. Im Grünen Haus befinden sich kategorisierte  Low- Function Personen. Diese sind auf Pflege angewiesen und sind zum großen Teil nicht verbal und benötigen ständige Betreuung.
In diesem Projekt wohne und lebe ich, was so viel heißt, dass ich hier mein Apartment habe. Arbeiten tue ich allerdings in einem anderen Projekt.

Jeden Morgen werden alle Chaverim um halb 8 von einem Bus abgeholt, der sie zu einer Werkstatt Hadassim fährt. Diese Tageseinrichtung befindet sich gute 20 Minuten, im Berufsverkehr 45 Minuten von Beit Perry entfernt. Ursprünglich wurde sie als Garten konzipiert, wurde aber vor etwa einem halben Jahr im Zuge einer Umstrukturierung in ein Gebäude verlegt. Werktags (Sonntag bis Donnerstag) fahre ich also mit den Bewohnern zu dieser Einrichtung. Auch hier sind die „Chaverim“ entsprechend ihren Fähigkeiten in High-, Middle-, und Low- Function Groups eingeteilt. Zu unseren Bewohnern kommen dort noch weitere Chaverim anderer Hostels hinzu, wodurch dort momentan 42 Autisten beschäftigt sind.

  1. Die Arbeit

Ich selber arbeite in einer der zwei High- Function Groups in Hadassim. Im  Folgenden werde ich meinen Arbeitstag in der Gruppe exemplarisch darstellen. Es sei aber angemerkt, dass andere Gruppen entsprechend ihren Möglichkeiten variierende Tagesabläufe haben.

Morgens wird der Tag mit einer Begrüßungsrunde begonnen. Danach geht es in den Garten, der von dem neuen Gebäude ca. 10 Minuten zu Fuß entfernt liegt. Der Garten von Hadassim ist heute ein Gemeinschaftsprojekt einer nahegelegenen High- School und der Tageseinrichtung für Autisten. Die Gartenarbeit umfasst die Schwerpunkte Kehrarbeiten, Pflanzarbeiten, Gießen und Sortierarbeiten.

Um 10 Uhr geht es zurück in das Gebäude und es wird gefrühstückt. Anschließend wird getöpfert, was die Hauptbeschäftigung meiner Gruppe darstellt.

Von 11 bis 13 Uhr arbeiten die Chaverim an kleinen und großen Tonschüsseln, die anschließend gebrannt und glasiert werden. Ziel des Ganzen ist eine eventuelle Vermarktung dieser handgemachten Hadassim Produkte. Das Programm läuft nun seit einem halben Jahr und steht damit noch am Anfang. In anderen Einrichtungen hat es sich schon als Erfolg erwiesen. Nicht ganz unkritisch möchte ich beifügen, dass der Ertrag der Produkte nicht als Entlohnung der Chaverim angedacht wird. Wie sich das ganze Programm entwickeln wird ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer einschätzbar. Die ersten 100 Schüsseln sind fertig und werden vorerst im Lagerraum bleiben, bis sich ALUT (THE ISRAELI SOCIETY FOR AUTISTIC CHILDREN) Gedanken über die Vermarktung gemacht hat.

Um 13:30 Uhr gibt es schließlich Mittagessen. Je nach Wocheneinteilung kann es vorkommen, dass ich auch beim Tellerwaschen helfen muss, wodurch mein Tag dann mit dem Mittagessen endet. Bedeutet, dass ich dann für die nächsten 2 Stunden so beschäftigt bin, dass ich gerade rechtzeitig zur Rückfahrt nach Beit Perry fertig werde. 

Bin ich nicht für den Abwasch zuständig, so beschäftige ich die Chaverim von 14:30 bis 15:00 Uhr mit Schraubarbeiten. Hadassim hatte vor einigen Jahren einen Vertrag mit einer nahegelegenen Metallfabrik. Heute gibt es immer noch genug Klemmen (Halterungen um Rohre an Wänden zu befestigen) und Schrauben, die die Chaverim ineinander verschrauben. Ursprünglich wurden Pakete gefüllt und an die Fabrik zurückgesendet. Als sich dieses Programm als wenig rentabel für die Fabrik herausstellte wurde es eingestellt. Dennoch ist es immer noch ein Hauptbestandteil im Arbeitsalltag in Hadassim. Fertige Klemmen werden wieder auseinandergeschraubt und den Chaverim erneut gegeben. Das klingt im ersten Moment sehr gemein, ist aber nicht vermeidbar um die, für Autisten, so wichtige Routine aufrecht zu erhalten.

Um 15 Uhr wird eine gemeinschaftliche Reflektionsrunde abgehalten. In dieser dürfen die Chaverim sagen, was ihnen am Besten am Tag gefallen hat und auch, was sie nicht so schön fanden. Schlussendlich geht es um 15:30 dann wieder zurück nach Beit Perry.





ANMERKUNG: Bei allen Zeitangaben sei vermerkt, dass diese sehr unzuverlässig sind und durch viele Variabeln stark verzehrt werden können. Dazu gehören Stromausfälle, aber auch „Ausraster“ und kurzfristige Ausfälle von Betreuern. Zuzüglich werden seit einem Monat Profile der Autisten von einer Verhaltenspsychologin erstellt. Dadurch kommen Einzelprogramme, wie Spaziergänge, Sport und Pausenbetreuungen hinzu.  Diese können auf Grund von Personalmangel oft nur unzureichend erfüllt werden. Alles in allem entsteht so häufig ein sehr unstabiles Konstrukt.

  1. Ausschnitt des Verhaltensprofils des Chaverim X

Autisten sind alle unterschiedlich. Low-, Middle-, oder Highfunction sind hierbei notdürftige Kategorisierungen, die mehr die Nützlichkeit, als die intellektuelle Begabung behandeln. Als Beispiel möchte ich einen Chaverim aus meiner High- Function Group beschreiben. Dieser Chaverim X ist nicht in der Lage seinen eigenen Willen zu äußern. Das heißt soviel, als dass er niemals etwas machen würde ohne das man ihn dazu auffordern würde. So kam es vor, dass er zur Toilette geschickt wurde um sich die Hände zu waschen, dann aber vergessen wurde. Vor einigen Tagen blieb er eine ganze Stunde vor dem Waschbecken stehen. In dieser Zeit hatte der Rest der Gruppe bereits zu Mittag gegessen. Seine Funktionalität ist somit eigentlich nicht der Gruppe angemessen. Ihm müsste wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als dies in der Gruppe möglich ist. Als Low- oder Middle- Function kann er allerdings auch nicht kategorisiert werden, da seine Arbeit, so wenn man ihn denn dazu auffordert und ermutigt, dem eines High- Function Mitglieds entspricht.
Die Verhaltensweisen sind oft sehr befremdlich und für uns oft nicht verständlich. „In einer anderen Welt leben“ trifft den Nagel wohl auf den Kopf, denn wie sonst kann man eine komplette Missachtung der eigenen Bedürfnisse deuten?
Für mich bedeutet ein Tag in Hadassim oftmals auch einen Tag der Selbstreflektion, denn man lernt geduldiger und bedachter mit Menschen zu interagieren. Und wenn man denkt man hätte den Dreh raus, so wird man schnell wieder auf den Boden der Tatsache zurückbefördert.

Insgesamt haben sich meine Erwartungen an die Arbeit nicht bestätigt. Als ich in Israel ankam, hatte ich mir die Arbeit leichter vorgestellt und auch geordneter. Nach dem ersten Monat der Einfindung habe ich dann aber das Potenzial dieses Gegenteils erkannt. Die Arbeit kann nicht langweilig werden, da man nie weiß, was auf einen zukommt. Natürlich ist man auch geschafft nach der Arbeit, aber was kann es schöneres geben, als die Chaverim glücklich nach Hause zu bringen? In gewisser Weise stehe ich hier in Israel im Leben der Autisten. Dadurch, dass ich direkt im Projekt wohne kann ich mich nur begrenzt von der Arbeit abschotten und die Wände lassen einige Geräusche durchdringen.
Mittlerweile sind es bekannte Geräusche, die mich auch nach längeren Reisen immer mit einer gewissen heimatlichen Verbundenheit nach Beit Perry zurückkehren lassen.
Wandlungsfähigkeiten in sich entdeckt wohl jeder, der mit Autisten zusammen arbeitet, aber es ist erstaunlich diese erst dann zu entdecken, wenn der Wandel bereits vollzogen ist. Inwieweit das ein Irrtum ist werde ich wohl erst nach diesem Jahr beurteilen können.


Bis dahin verbleibe ich in Besten Grüßen in das winterliche Deutschland.
Über meinen Blog halte ich euch auf dem aktuellsten Stand.

Liebe Grüße

Peter
 



Sonntag, 20. November 2011

Seminar

Wie vor längerem schon erwähnt war ich diesen Monat auf einem Volontärseminar in Nachsholim, einem Kibbutz in der Nähe von Haifa. Vorab einen herzlichen Dank an das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, welches das Dialog Institut in Seminaren bereitwillig unterstützt.
In 3 Tagen wurden uns 20 Volontären Hintergründe von  hochrangigen Glaubensautoritäten beider Seiten erörtert. Die Informationsmenge war mehr als zufriedenstellend.
So trafen wir unter anderem auch den Gründer des ersten Holocaust Museums in der arabischen Welt. Ohne weiter darauf einzugehen verlinke ich hier auf einen etwas älteren Bericht des Spiegels über diesen Mann. (Spiegel Artikel)
Besonders beeindruckend stellte sich ein Treffen mit dem Bürgermeister des israelisch-palästinensischen Städtchens Barta'a im Westjordanland heraus.

Blick auf den arabischen Stadtteil

Blick auf die Müllgrenze

Müllgraben und gleichzeitige Grenze
Der besagte Bürgermeister hat Familie sowohl im palästinensischen als auch im israelischen Stadtteil. Als wir mit ihm durch die Stadt spazierten kannte er alle Geschäftsbesitzer auf beiden Seiten. Das augenscheinlichste Problem im arabischen Teil ist die, von der palästinensischen Autonomiebehörde, unregelmäßig organisierte Müllentsorgung, sowie teilweise die Strom- und Wasserversorgung. Der Grenzübergang selber ist im ausgetrockneten Flussbett (siehe Bild 3). Ein gutes Beispiel für Politik im realen Leben.
Nach dem Seminar musste ich erst einmal gucken wo mir der Kopf steht und so bin ich jetzt erst spät zu einem Blogeintrag gekommen.
Ein Tipp an alle Israelreisenden: Depositioniert euch von der Politik. Das wird allgemein akzeptiert, ja ist sogar erwünscht!

Für die nächsten Wochen habe ich mir vorgenommen in die Westbank zu reisen und hoffentlich einmal richtigen arabischen Hummus zu essen, denn dieser Kichererbsenbrei macht mich einfach verrückt.  Ich hoffe nur das ich nicht bald den Ruf meines Vorgängers an mir heften habe, und sehe mich nicht als Hummus-"Fresser".

Auf Bald,
Peter


Strand in Nachsholim

Haifa im Sonnenuntergang

Mittwoch, 16. November 2011

Israelische Mentalität 2.0

Das sog. "Ausschmücken" von Erzählungen kann nicht mit "Lügen" gleichgesetzt werden.

Donnerstag, 3. November 2011

Balagan am Ende der Woche

Wie bekannt endet die jüdische Woche Donnerstags und beginnt am Sonntag. Allein das fordert dem gemeinen Deutschen schon so einiges ab. Um ehrlich zu sein habe ich mich bis heute noch nicht wirklich damit abfinden können und bemerke sehr oft, dass ich immer noch in unserem Wochenaufbau denke. 

Für die Friends (chaverim) ist so ein Wochenende etwas ganz besonderes. Die Meisten übernachten dann nämlich bei ihren Familien. Und dann kann so ein Ende der Arbeitswoche sehr chaotisch verlaufen. Statistisch gesehen vergrößert sich zumindest die Wahrscheinlichkeit von einem Friend  gebissen zu werden, je weiter die Woche fortgeschritten ist. Heute und Gestern wurden zwei der Guides in die Schulter gebissen (Ich bin so froh das mir das bisher erspart geblieben ist) und ich muss sagen, dass der heutige Tag das Sahnehäubchen der Woche gewesen ist. Nach dem  Bissvorfall war der betroffene Guide erstmal nicht mehr einsatzfähig, was zur Folge hatte, dass die Gruppe für die der Guide zuständig war unbeaufsichtigt blieb. Diese 10, nun unbeaufsichtigten Friends wurden in meine Gruppe gesteckt. Im Endeffekt waren dann 3 Guides (einschließlich mir) für 20 Friends zuständig. Natürlich mussten wir immer noch unser Tagesprogramm durchziehen. Dazu kamen Einzelprogramme für bestimmte Friends, wie  Toilettengänge zählen, Auflockerungsübungen, Sport und Spaziergängen. 
Zuzüglich durfte ich mich 3 Dauerpatienten stellen, die von dem Ganzen durcheinander so verwirrt waren, dass sie mir für den Rest des Tages mit Bruchstücken englischer Sprache, wie "I love you", "You told me?" oder auch "Where is the prospect?" hinterherliefen. Was sie eigentlich von mir wollten konnten sie natürlich nicht ausdrücken. Sie wollten mich fragen warum die Dinge heute anders liefen als normal und das konnte ich ihnen bei meinem besten Hebräischwillen nicht gut erklären. 

Zum Glück gibt es aber auch schönere Tage und so freue ich mich  auf die nächste, kurze Woche. Von Dienstag bis Donnerstag geht es auf ein Seminar in Haifa zum Thema: "Die Rolle der Religionen im israelisch-palästinensischen Konflikt“.

Ich verbleibe in Besten Grüßen in die Heimat.
Bis dann
Peter

P.S.: Über Allerheiligen war ich in Akko. Hier ein paar Fotos








Sonntag, 23. Oktober 2011

Jerusalem

Am Freitag reisten Hannah, Matthias, Johannes, Jana und ich dann doch einmal nach Jerusalem, beziehungsweise  diesmal ging es wirklich nach Jerusalem. Vorher hatte Jana uns ein Bagpacker Hostel im Internet rausgesucht, welches nicht weit weg von der historischen Altstadt lag.
Nachdem wir uns einquartiert hatten ging es auch schon los in die Stadt. Nach längerem Herumgeirre in dem größten, organisierten, innerstädtischen Durcheinander das ich je erleben durfte, gelangten wir schließlich zur Klagemauer, hinter der sich der Felsendom erhob. Pünktlich um 17 Uhr ging dann das traditionelle Shabbatgebet los. Und überall sahen wir mit Anzug und Hut bestückte Orthodoxe, die entweder in sich gekehrt beteten oder aber arm in arm lautstark sangen.
Zurück im Hostel wurde mit anderen Reisenden zusammen das Shabbatmahl gekocht und natürlich auch verspeist. Einige Stunden später fand man sich gemütlich zu einem Trunk zusammen.
Am nächsten Morgen ging es zurück in die Stadt und ich könnte jetzt nur noch einen Bruchteil der historisch-religiös bedeutsamen Stätten zusammenkriegen die wir gesehen haben, also lasse ich es lieber ganz. Jerusalem strotzt vor Geschichte und  man könnte sich ein Leben mit dieser auseinandersetzen.

Unser Touristenführer tat sein Bestes um nicht all zu weit in seinen Erklärungen auszuufern, aber selbst ihm gelang es nur schwer die Basics in drei Stunden Rundführung einzubauen.
Kurz zur Erklärung. Die Altstadt Jerusalems ist in vier Viertel eingeteilt. Das Jüdische, Christliche, Muslimische und das Armenische. Auf diese Einteilung hatte man sich Mitte des letzten Jahrhunderts geeinigt um vorrangegangene und zu erwartende Konflikte aus der Welt zu schaffen. Am Besten sieht man Jerusalem eigentlich auf den Dächern der Häuser. Und erst dann sieht man  das strukturierte Wirrwarr an Glaubensstätten.

Wer jetzt denken sollte, das klingt doch alles ganz friedfertig, den muss ich leider enttäuschen, denn was man noch von den Dächern sieht ist die nur wenige Kilometer entfernte riesige Betonmauer zwischen Israel und dem Westjordanland. Außerdem beginnen seit den letzten Jahren jüdische Siedler Häuser im arabischen Teil Jerusalems aufzukaufen. Isreals Regierung unterstützt sie dabei.  Ein Sinnbild des doppelten Spiels, dass viele Israelis spielen und auch eines welches weder die UN noch die USA in den letzten Jahren klären konnte.
Nachdem unsere Füße am Abend wund- und plattgelaufen waren ging es mit dem Bus zurück nach Ra'anana.

Seltsame Begebenheit:

Mit uns fuhren zwei Studenten aus Deutschland, die sich am Flughafen verabschiedeten, da sie zurück nach Deutschland flogen. Wir blieben im Bus sitzen und fuhren weiter durch die Nacht.